Warum lernen mehr ist als das Erinnern isolierter Inhalte

Foto von Hal Gatewood auf Unsplash

Meine Urlaubstage neigen sich dem Ende zu, wobei “Urlaub“ auch relativ ist.

Meine freien Tage waren gefüllt mit einer Reihe von Fortbildungen und ich durfte mal wieder die Seite der Lernenden einnehmen. Manch eine Fortbildung schloss mit einer Klausur ab, einem Portfolio oder einer Praxisprüfung. Das heißt LERNEN stand tatsächlich auf meiner Tagesordnung.

Das Konzept LERNEN

Das klassische Konzept von Lernen war mir schon immer ein Dorn im Auge und ich habe mich in der Schule und im Studium irgendwie da durchgequält und (wie ich heute weiß) viel Zeit verschwendet. LERNEN war immer das Erinnern isolierter Inhalte. Mit meiner Profession als Lehrkraft habe ich dann viel zu lange geglaubt, dass diese Art des “Lernens“ durch das Prüfungsformat Klausur bedingt ist, aber auch das ist nur ein Teil der Realität.

Die Beiträge von Henry Hildebrandt (vgl. Hildebrandt 2024) und die vielen Studien (vgl. Hildebrandt 2025), auf die er verweist, sowie die Studierenden in meinen Kursen haben mich eines Besseren belehrt.

Fünf Stichworte haben hier meinen Blick geschärft:

  • Alltagstauglichkeit

  • Partizipation

  • Argumentation

  • Bestärkung und

  • Fehlerkultur

Die Gesellschaft prägt

Eine Vielzahl von Schriften (vgl. Boon et al. 2022, Carter & Kotzee 2015,  Dewey 1976, Axtell et al. 2021) beweisen uns (nicht erst seit gestern), dass Lernen so viel mehr als das Erinnern isolierter Inhalte ist. Doch gesellschaftlich bleibt dieses Verständnis vom Konzept LERNEN weiterhin zentral und scheint mir primär geprägt durch die Schule zu sein, sowie die zunehmend verschulte Universitätslehre.

Mein Verständnis vom Lernen heute

Kognitiv ist es lernen die Verknüpfung von Neuronen, oder bildlich gesprochen die Anknüpfung neuen Wissens an bereits vorhandenes Wissen (vgl. Papajewski 2025). Das heißt ich erweitere mein bestehendes Wissensnetz.

Somit benötige ich für neues Wissen Anschlussfähigkeit durch Identifikation und Nutzbarkeit des neuen Wissens (= Alltagstauglichkeit), und das muss aktiv durch mich als Lernende erfolgen (= Partizipation und Argumentation).

Doch die Motivation für diesen Prozess kommt nicht von ungefähr: Es bedarf einen Anstoß, eine Begleitung und Unterstützung. Denn erst mit einem Gegenüber beim Lernen erfolgt Reflexion (= Bestärkung und Fehlerkultur).

Genau das bringt Paulo Freire auf den Punkt:

„Authentic thinking, thinking that is concerned about reality, does not take place in ivory tower isolation, but only in communication.“ (Freire 1970/2017: 50)

Daher mein Vorsatz für meine Lehre jetzt im Wintersemester:
Ein hundertprozentiges kollaboratives miteinander, das für mich wahre Lernen.

Zwei Highlights die dafür zukünftig zum Standard meiner Lehre werden und auf die sich die Studierenden in meinen Lehrveranstaltungen freuen dürfen: Flow Maps (vgl. Hildebrandt 2024a) und die Reduktion von Präsentationsfolien (vgl. Patalong 2009).

Quellen:

Axtell, Guy; Barnett, Brian C. (Hrsg.); Long, Todd R.; Lopez, Jonathan; Massey, Daniel; Poole, Monica C.; Rowley, William D.; Sageetha, K. S.; Hendricks, Christina (Hrsg.) (2021): Introduction to Philosophy: Epistemology. The Rebus Communicty. https://press.rebus.community/intro-to-phil-epistemology/. Abgerufen am 13.10.2025.

Boon, Mieke; Orozco, Mariana & Sivakumar, Kishore (2022): Epistemological and educational issues in teaching practice-oriented scientific research: roles for philosophers of science. European Journal for Philosophy and Science. Volume 12, Article Number 16. https://doi.org/10.1007/s13194-022-00447-z. Abgerufen am 13.10.2025.

Carter, J. Adam & Kotzee, Ben (2015): Epistemology Of Education. PhilPapers. https://philpapers.org/rec/CAREOE-4. Abgerufen am 13.10.2025.

Dewey, John (1976): Experience and Education. 19th Printing. New York: KAPPA DELTA PI.

Freire, Paulo (1970/2017): Pedagogy of the Oppressed. Great Britain: Penguin Classics.

Hildebrandt, Henry (2024): Über mich. Henry Hildebrandt. https://henryhildebrandt.de/#ueber_mich.  Abgerufen am 13.10.2025.

Hildebrandt, Henry (2024a): Die neue ALL-IN-ONE Lernmethode 🧠 (science based). https://www.youtube.com/watch?v=pgEu8ZhuyoE. Abgerufen am 13.10.2025.

Hildebrandt, Henry (2025): @henryhildebrandt99. YouTube. https://www.youtube.com/@henryhildebrandt99. Abgerufen am 13.10.2025.

Papajewski, Ulrike (2025): Wie funktionieren Lern- und Gedächtnisprozesse?. Leibniz-Institut für Neurobiologie (LIN)  Magdeburg. https://www.lin-magdeburg.de/brain-facts/wie-funktionieren-lern-und-gedaechtnisprozesse. Abgerufen am 13.10.2025.

Patalong, Frank (2009): Im Powerpoint-Nirvana. Beamer an, Hirn aus. https://www.spiegel.de/netzwelt/tech/im-powerpoint-nirvana-beamer-an-hirn-aus-a-630918.html. Abgerufen am 13.10.2025.

Samantha Joanna Marzinzik

Lehren aus Überzeugung mit dem Ziel, selbstständige Lernende zu fördern - Ich bin staatlich zugelassene BAMF-Lehrkraft mit mehrjähriger Erfahrung im Unterrichten des Deutschen als Fremd- und Zweitsprache in der Erwachsenbildung und erfahrene Hochschuldozentin in (englischsprachigen) Lehrveranstaltungen der Sprachwissenschaft und Interkulturellen Kommunikation. Mein Ziel ist es, Lernende mit ihren individuellen Kompetenzen und Stärken handlungsorientiert zu fördern. Ihr lebenslanges, eigenverantwortliches und selbstständiges Lernen - im Alltag, Studium und Beruf - ist mein höchstes Ziel.Teaching with purpose committed to fostering independent learners - I am a state-certified (BAMF-) German instructor with several years of experience teaching German as a foreign and second language in adult education, as well as an experienced university lecturer in (German and English speaking) courses on linguistics and intercultural communication. My goal is to support learners in a practical, action-oriented way, building on their individual skills and strengths. Encouraging lifelong, self-directed, and independent learning—in everyday life, in higher education, and in the workplace—is my highest priority.

https://www.samanthajoanna.org
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